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Predigt von Pastor Mag. theol. Lars Linder:

„Auspacken und leben – Die Taufe als Geschenk Gottes entdecken“,

gehalten im Rahmen des ökumenischen Tauferneuerungsgottesdienstes
am 9. September 2012

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Weihnachten 2011 ist schon eine Weile her. Aber noch immer liegt ein Geschenk, das wir damals einem unserer Kinder geschenkt haben, nutzlos in der Ecke herum. Es wurde nicht ausprobiert, nicht zum Spielen benutzt oder um mal irgendetwas Sinnvolles, Schönes damit zu machen. Es liegt in der Ecke und wird wahrscheinlich irgendwann bei Ebay auftauchen und weitergereicht werden.

Geschenke machen nur dann Sinn, wenn wir sie auspacken, und wenn sie in irgendeiner Form in unserem Alltag vorkommen, wenn mit ihnen gelebt wird, wenn sie unser Leben bereichern. „Auspacken und leben  -  die Taufe als Geschenk Gottes entdecken“  -  so lautet ja die Überschrift über diesem ersten ökumenischen Stadtgottesdienst.

Lasst uns dazu gemeinsam auf ein Gotteswort hören, das Sie auch in Ihrem Programmheft abgedruckt finden, und das Sie deshalb mitlesen können, sofern Sie es mögen. Gottes Wort aus der Apostelgeschichte 2, die Verse 37 – 42:
37 Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?
38 Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.
39 Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.
40 Mit noch vielen anderen Worten beschwor und ermahnte er sie: Lasst euch retten aus dieser verdorbenen Generation!
41 Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt.
42 Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.

Liebe Gemeinde,
Taufe  -  Geschenk Gottes. Man könnte, man müsste angesichts des gehörten Gotteswortes eigentlich sagen: Taufe ist eines von mehreren Geschenken Gottes.

Sie kennen das vielleicht von Geburtstagsfeiern, dass Sie ein großes Paket bekommen, und wenn Sie es dann auspacken, sind in diesem großen Paket weitere, kleinere Pakete bzw. Geschenkpäckchen enthalten. Hier, in dem gehörten Gotteswort, ist das so ähnlich. Da ist die Rede von der Verkündigung des Evangeliums, von dem ‚Getroffensein‘ im Herzen, von Umkehr, von Hinwendung zum Glauben, von Taufe, von Vergebung der Sünden, von der Gabe des Heiligen Geistes und davon, dass Menschen >>zur Gemeinde hinzugefügt<< werden.

Alles das sind Geschenke Gottes. Überall da wirkt Gott bei Menschen etwas zu ihrem Heil, und das Geschenk der Taufe mittendrin. Wie nun diese einzelnen Gaben zueinander passen, ob es da eine bestimmte Reihenfolge gibt, darüber könnten wir jetzt trefflich streiten, und das tun die Konfessionen ja seit Jahrhunderten. Das wollen wir heute Nachmittag aber gar nicht tun. Wir stellen fest: auf Grund unserer Geschichte, auf Grund unserer Prägungen, auf Grund der verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten sind die Konfessionen an dieser Stelle auf unterschiedliche Ideen und Schlussfolgerungen gekommen. Aber alle, alle Konfessionen müssen lernen, aus der Taufe heraus, egal wann sie stattfindet, zu leben.

D. h. also auch wir, die wir hier heute Nachmittag zusammen sind, stehen unter der Herausforderung die Taufe als Geschenk Gottes auszupacken und sie in unseren Alltag zu integrieren. Aus der Taufe leben bedeutet, dass die Taufe uns prägt und bewegt. Und genau davon erzählt das gehörte Gotteswort, nämlich was aus der Taufe für die Getauften erwächst. Da heißt es ja in Vs 42:
>>Sie [also die sein Wort annahmen und sich taufen ließen] hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten<<.

Taufe wird also ausgepackt, als Geschenk im Alltag erlebbar, weil die Getauften etwas einüben, etwas festhalten, von dem sie festgehalten werden. Die Luther-Übersetzung drückt es so aus: >>Die Getauften bleiben beständig bei der Lehre der Apostel, bei der Gemeinschaft, beim Brotbrechen, beim Gebet<<. Wer bei etwas bleibt, hat eine Bleibe gefunden, hat ein Zuhause gefunden, einen Ort wo er wohnt, von wo aus er das Leben gestaltet. Darum geht’s bei der Taufe, dass wir an etwas festhalten, das uns Bleibe schenkt, ein Zuhause gibt.

Der lutherische Theologe Helmut Assmann schreibt: „Beim Glauben und bei der Taufe ist es wie bei allem Wichtigen im Leben. Es wächst und gewinnt Stärke und Kraft durch die regelmäßige Praxis und Übung.“  Taufe, Leben aus der Taufe, Leben mit der Taufe, Leben durch die Taufe ist verbunden mit dem Entschluss, mit diesem anvertrauten Geschenk aktiv umzugehen und es zu entfalten. Und das geht eben nur durch regelmäßige Praxis und Übung.

So heißt es hier: sie hielten fest bzw. sie blieben beständig an der Lehre der Apostel. Es ist ja schon spannend, dass das bei dem sog. ‚Missionsbefehl‘ in Matth. 28 ja auch steht: >>Taufet sie im Namen des dreieinigen Gottes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe<<. Also Taufe und Lehre gehören zusammen. Wobei Lehre nicht so sehr kirchenamtliche Verlautbarungen meint; sondern gedacht ist da an ganz was anderes: dass wir die Worte Jesu immer wieder studieren, dass Predigten dazu verlocken uns immer wieder damit zu beschäftigen, wer dieser Jesus Christus ist und was er zu mir und über mein Leben sagt.

Lehre verlockt dazu, immer wieder neu nachzudenken über den Tod und die Auferstehung, die Bedeutung von Karfreitag und Ostern auch für mich und mein Leben. Lehre bedeutet, dass man immer wieder neu wach gemacht wird zu schauen was es heißt, dass Jesus der Christus ist, der Messias, mein Retter. Wie bestimmt das meinen Alltag, und wie gebe ich es an andere Menschen auch weiter?

Diese Lehre findet statt in jedem Gottesdienst, in jedem Gesprächskreis, im Kindergottesdienst, in der Kinderkirche, in Mitarbeiterseminaren, in Schulungen oder auch ganz einfach beim Lesen der Bibel. Menschen, die getauft sind, sind Jünger Jesu, und das Wort Jünger heißt übersetzt ‚ein Lernender sein‘, also als Getaufter, als Jünger, ein Leben lang bei Jesus das Leben lernen. Dazu braucht es eben Lehre, Worte... und eben  Räume und Veranstaltungen, wo das angeboten wird.
Ganz aktuell hat die evangelische Kirche beschlossen, dass es ein Ziel sein könnte, dass jeder Kirchenkreis auf Dauer regelmäßig Glaubenskurse anbietet. Denn sie hat entdeckt, dass die getauften Menschen die Einführung in den Glauben brauchen, dass man sie lehren muss: wie geht denn Christsein im Alltag? Wie geht Beten? Wie geht Bibellesen? Wie geht das, diakonisch dem Nachbarn rechts und links helfen und, und, und ...  Das brauchen wir als Getaufte: Lehre.
‚Sie blieben beständig, sie hielten fest an der Gemeinschaft‘. Wer getauft wird, wird hinein getauft in den Leib Christi, bekommt Brüder und Schwestern, weltweit, aber auch in der konkreten Kirchengemeinde vor Ort, da, wo Gott ihn hingestellt hat. Und das ist eben nicht nur eine Sache auf dem Papier, sondern braucht Gestaltung, lockt dazu gelebt zu werden. Gott schließt mich in der Tat durch die Taufe mit anderen Christen zusammen, so wie in einem menschlichen Körper die Glieder miteinander verbunden sind. Das Auge braucht das Knie, der Ellenbogen arbeitet mit dem Ohr zusammen, Nase und Hand tun etwas gemeinsam.

So sind auch die Getauften im Leib Christi aufeinander angewiesen, brauchen einander. Ich, als Getaufter, brauche Menschen, die ein offenes Ohr haben, die mir zuhören können, die mir einen guten Rat geben können. Ich, als Getaufter, brauche Menschen, die ganz praktisch helfen in der Not, die mit anfassen können, die einen Blick dafür haben, wenn es mir nicht gut geht und mir dann zur Seite stehen. Ich, als Getaufter, brauche Menschen, die für mich beten, die mich begleiten, die für mich da sind.

Sie, als Getaufte, brauchen das ebenso. Und anders herum werden Sie auch gebraucht. Für andere Menschen ist es wichtig, dass Sie zuhören, Leben teilen, mit anpacken, Not lindern, trösten und einfach da sind. Wir brauchen Gemeinschaft. Dietrich Bonhoeffer sagte so schön: „Der Christus im Bruder und in der Schwester ist stärker als der Christus in mir“. Gerade in Zeiten der Not ist es wichtig, dass Schwestern und Brüder da sind, die uns stärken, uns auch vor Irrwegen bewahren.

Der katholische Theologe Paul Zulehner drückte das, etwas bissig, so aus: „Wir brauchen die andern, damit wir unseren Vogel nicht mit dem Heiligen Geist verwechseln“. Also da, wo wir uns etwas einbilden, da brauchen wir andere, die uns sagen: nee, da verrennst du dich gerade. Das ist nicht im Sinne Jesu, geh doch bitte diesen Weg.  -  Taufe und Gemeinschaft, Taufe und Kirche gehören zusammen.

>>Sie hielten fest am Brechen des Brotes<<. D. h. sie feierten regelmäßig Abendmahl, die Eucharistie. Das war das Neue damals, das war das Neue der Christenheit. Der christliche Gottesdienst hat ja den Synagogen-Gottesdienst für sich übernommen, die Gebete, Lesungen, Lieder, Schriftauslegung, Predigt. Aber dann, unterscheidbar neu, kam das Abendmahl, die Eucharistiefeier hinzu, weil das Sterben Jesu im Zentrum des christlichen Glaubens steht. Das Wort vom Kreuz ist die Mitte. Und hier denke ich manchmal, dass die evangelische Christenheit, also auch meine Gemeindeform, sicher etwas lernen kann von der Praxis der römisch-katholischen und altkatholischen Geschwister, wo die Eucharistiefeier im Zentrum des Gemeindelebens steht und kein Randelement darstellt.

Abendmahl, gedacht als Proviant. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen, Pro- viant ist etwas ‚für den Weg‘. Getaufte beginnen einen Weg zu beschreiten vom Getauft-sein, von der Hinwendung zum Glauben, hin zur neuen Welt Gottes in Gottes Reich. Und auf diesem Weg werden Getaufte müde, wissen nicht mehr weiter, erleben Anfechtung und Zweifel und brauchen handfesten, begreifbaren Zuspruch. So ist Abendmahl/ Eucharistiefeier Proviant auf dem Weg, Stärkung für die Getauften, für die Jüngerinnen und Jünger.

Taufe ist deshalb auch so etwas wie ein Doppelpunkt, kein Schlusspunkt, sondern Doppelpunkt: jetzt beginnt dieser Weg, und auf diesem Weg brauchst du Ermutigung, Erneuerung, Tröstung, brauchst du Abendmahl, Eucharistiefeier, um zu schmecken und zu sehen, dass du bei diesem Gott willkommen bist und bei ihm bleibst.

>>Sie blieben beständig und hielten fest an den Gebeten<<. Jede Beziehung will gepflegt werden, sonst verkümmert sie. Wenn ich mich einem Menschen nicht zuwende, ist auf Dauer der Kontakt gestört. Getaufte sind von Gott in Beziehung gesetzt zu ihm selbst. Wer getauft ist, wird von dem lebendigen dreieinigen Gott in die Beziehung zu ihm gerufen, und diese Beziehung braucht Gestaltung, braucht Gestalt, braucht Gebet, braucht das Gespräch  -  angefangen von den Psalmen über das Vater Unser bis hin zu der ganz persönlichen Zielsprache mit Gott. Ohne Gespräch, ohne Gebet ist Leben aus der Taufe gar nicht möglich.

Also, liebe Gemeinde, auspacken und leben! Die Taufe als Geschenk Gottes entdecken, dankbar annehmen, was Gott in Christus für uns getan hat, sich freuen über die Gabe der Vergebung, die Gabe des Heiligen Geistes, sich freuen über die Taufe und das auch in unseren Alltag integrieren indem wir dabei bleiben, standhaft sind, festhalten, Lehre suchen im Gottesdienst, in der Bibel, das Gespräch mit anderen pflegen über Fragen, die den Glauben betreffen, Gemeinschaft suchen, kleine überschaubare Kreise, wo man sich gegenseitig hilft im Glauben und im Leben. Lassen Sie uns das Abendmahl entdecken als Zentrum des Glaubens und immer wieder mit Gott im Gespräch sein als den Gott, der uns hört und sieht, und der nur ein Gebet weit entfernt ist.

Liebe Schwestern und Brüder,
was ist das für ein Bild, das Lukas uns hier malt? Gemeinde, Kirche als Ort, wo gepredigt und gelehrt wird, ausgeteilt und empfangen, gegessen und getrunken, gesungen und gebetet, wo gegenseitig getragen und getröstet, aufeinander achtgegeben und geholfen wird.

Das lasst uns leben und weiter entfalten. Was wäre es schön, wenn unsere Gottesdienste immer mehr zu Orten werden, wo die Getauften sich sammeln; wenn Gottesdienste voll werden, weil Predigten gehalten werden, die das Leben verändern, und weil die Menschen entdecken, dass sie einander brauchen. Taufeltern-Kurse würden aus den Nähten platzen, Glaubensgrundkurse würden gehalten, und Menschen könnten entdecken was Christsein, Leben aus der Taufe, mit dem Jetzt und Hier zu tun hat, mit ihrem Alltag, mit Ihnen und mit mir.

Lasst uns daran glauben, das ersehnen, das erhoffen und gemeinsam klein anfangen das zu gestalten da, wo wir leben. Denn der Geist Gottes bewegt seine Gemeinde dort, wo sie lebt. Er bewegt seine getauften Kinder, Sie und mich, zu seiner Ehre, zum Heil der Menschen und auch zu unserer Freude.
Amen.

 

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