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Predigt von Pastor Gerd Belker:

"Gedenken um der Zukunft willen"

Predigt im ökumenischen Gedenkgottesdienst an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 Marktkirche, Essen-Mitte, Freitag, 9. November 2012

Liebe Schwestern und Brüder!
Während wir uns hier zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 versammelt haben, treffen sich unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbür­ger in ihren Wohnungen oder in der Synagoge zum Vorabend des Sabbats. Sie be­grüßen mit Gebeten und Gesängen den kommenden Tag der Ruhe von aller Ar­beit und Hektik. Sie erinnern sich an den 7. Tag der Schöpfung und entzünden das Licht zweier Kerzen. Ihre Flamme ist dankbarer Lobpreis auf Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Dabei beten sie:

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt,
der uns durch seine Gebote geheiligt und befohlen hat,
das Sabbat-Licht anzuzünden.

Als Zeichen unserer Verbundenheit mit den Juden hier in unserer Stadt wie in Israel und in aller Welt entzünden auch wir zwei Kerzen und stellen sie auf den Altar. In der Stille möge uns aufleuchten das Geheimnis der Gemeinschaft, die wir mit dem Gottesvolk Israel haben. Gottes Licht überwindet das Dunkel und ermöglicht Leben.

- Stille -

Was vor 74 Jahren in der Reichspogromnacht geschah, bedrängt und verstört uns. Unter der Nazi-Diktatur Hitlers wurden überall in Deutschland die Synagogen ange­zündet. Das Herzstück jüdischen Glaubens, die Tora mit den heiligen Schriften der hebräi­schen Bibel, wurde ein Opfer der Flammen. Jüdische Friedhöfe wurden ge­schändet, jüdische Geschäfte geplündert und zerstört. Recht und Menschenwürde wurden mit Füßen getreten. Sie galten nicht mehr. Wer sich wehrte, wurde zusammengeschlagen, kam ins Gefängnis oder in die ersten schon vorhandenen Konzen­trationslager. Über 30.000 Juden wurden in dieser Nacht grundlos aus ihren Woh­nungen verschleppt. Das alles geschah auch mitten in unserer Stadt. Wir müs­sen uns die systematisch geplanten und brutal ausgeführten Verbrechen an der jü­dischen Bevölkerung vor Augen halten, auch wenn es schmerzt. Der Rassenwahn Hitlers und seiner vielen, vielen Getreuen führte in der Folgezeit zur Vernichtung von 6 Millionen jüdischer Frauen, Männer und Kinder in Deutschland und Europa.

Schon 1933 nach der Machtergreifung durch Hitler begannen die Demütigungen und Diskriminierungen, die Ausgrenzungen und die Entrechtlichung der Juden. Jahr für Jahr wurden sie verschärft. Die Reichspogromnacht war das nicht zu über­sehende Feuersignal im teuflischen Plan des Nazi-Regimes zur Aus­rottung der Ju­den.

Wo blieb der Aufschrei all derer, die von Hitler und seiner verlogenen Propaganda noch nicht verblendet waren und gewissenlos mitmachten? Warum standen wir Christen nicht gemeinsam an der Seite unser älteren Schwestern und Brüder? Zu­gegeben, das eigene Leben hätte dabei riskiert werden müssen, und es bestand die Gefahr, dass Familie und Freunde in Sippenhaft genommen worden wären. Keine leichte Entscheidung. Aber es bleibt der Auftrag: Wehret den Anfängen! Auch heute gibt es Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, Missachtung der Menschenwürde und Gewalt mitten unter uns. Schauen wir hin, mischen wir uns ein, tragen wir Verantwortung!

Gott Dank hat es auch damals mutige Frauen und Männer gegeben, die ihr Leben aufs Spiel setzten. Sie taten den Mund auf, hielten zu Juden Kontakt und halfen ih­nen in ihrer Bedrängnis. Sie versteckten sie und teilten mit ihnen, was sie hatten. Ständig in der Gefahr, entdeckt und dann als Verräter mitleidslos erschossen, auf­gehängt oder ebenfalls ins Konzentrationslager verschleppt zu werden.

Meine persönliche Erinnerung an die Reichspogromnacht ist die eines Jungen von vier Jahren. Wir wohnten damals in der Thomästraße in der Nähe des Limbecker Platzes. Durch die Zerstörung der Essener Innenstadt im 2. Weltkrieg gibt es diese Straße nicht mehr. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde ich durch Schreie und großen Krach wach. Ich lief zum Fenster und zog den Vorhang zurück.  Da sah ich, wie einige Häuser weiter auf der gegenüberliegenden Seite Männer hin- und herliefen, brüllten und schrien. Andere warfen Mobiliar aus den ein­geschlagenen Fenstern eines Geschäftes. Sie hatten Freude an ihrer Zerstörungs­wut. Jedes Mal ein Gejohle, wenn Gegenstände auf der Straße aufschlugen. Mir machte es Angst.

Da war auch schon meine Mutter ins Zimmer gekommen. Sie zog den Vorhang zu und brachte mich ins Bett. Ihre Worte habe ich behalten: „Die so etwas tun, sind ganz böse Menschen. Du brauchst keine Angst zu haben, wir sind ja bei dir.“ Sie blieb am Bett sitzen, bis ich wieder eingeschlafen war.

„Die so etwas tun, sind ganz böse Menschen.“ Seit dieser Nacht verbinde ich mit böse und Bosheit: mutwillige Zerstörung und Gewalt, sich über andere erheben und sie schädigen, sie erniedrigen und zu Boden werfen. Über die Geschehnisse der Reichspogromnacht wurde nicht mehr gesprochen. Anders im Theologiestudium: Da waren die Reichspogromnacht und der Holocaust Thema. Mir wurden die Au­gen geöffnet für das unsägliche Leid, das bodenlose Unrecht und das Ausmaß der Vernichtung jüdischer Männer, Frauen und Kinder in den Konzentrationslagern. Ich bekam zugleich Zugang zur jüdischen Geschichte und Kultur. Seit dieser Zeit weiß ich, wie sehr wir als Christen in unserem Glauben jüdische Wurzeln haben, aus de­nen wir leben. Das hatten wir allzu lange verdrängt und vergessen.

Erst das II. Vatikanische Konzil (1962-1965) hat in der Erklärung „Nostra aetate“ vom 28. Oktober 1965 für die katholische Kirche eine epochale Wende in den Be­ziehungen zwischen Christen und Juden eingeleitet. Jegliche Form des Antisemitis­mus und jahrhundertealte Fehldeutungen des Todes Christi als eine die Juden für alle Zeiten belastende Schuld werden verurteilt. Der Bund mit Abraham wird auch für die Kirche als grundlegend und beglückend herausgestellt. Die gleiche Wende in der Beziehung zum Judentum haben die evangelische Theologie und die evan­gelische Kirche zuvor vollzogen. Keiner kann mehr Christ sein und das von Gott erwählte Volk Israel verachten. Dies kommt noch viel zu wenig in unseren Gemeinden zur Sprache. Ich erhoffe mir zwischen den christlichen und jüdischen Theologen einen ständigen Dialog in der Betrachtung der heiligen Schrift, ein Begegnen unter dem Wort Gottes.

Unser Gedenken an die Reichspogromnacht fällt in diesem Jahr auf einen Freitag. Dieser Tag erinnert an das Leiden und Sterben Jesu, an den Karfreitag. Am Kreuz hat der Jude Jesus die erschütternden Worte aus dem Psalm 22 geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Seine Stimme vereinte sich mit denen, die um dieselbe Zeit, am Rüsttag des Paschafestes, das Nachmittagsgebet im Tempel verrichteten. Danach wurden dort die Osterlämmer geschlachtet. Jesus steht mit seiner liebenden Hingabe bis zum bitteren Leiden und entsetzlichen Ster­ben mitten unter seinem Volk, auch wenn er ausgestoßen, gedemütigt und entrech­tet wie ein Verbrecher vor den Mauern Jerusalems am Kreuz hängt. Wie viele Ju­den werden gleich ihm Worte aus dem Psalm 22 in der Reichspogromnacht und später in den Vernichtungslagern geschrien oder mit letzter Kraft noch geröchelt haben? Auch wenn sie „wie ein Wurm, kein Mensch mehr, ein Spott der Leute und verachtet von allen (Ps 22,7)“ waren, setzten sie ihre Hoffnung auf Gott, den Heili­gen und Lebendigen, der hinter allem Dunkel „über dem Lobpreis Israels wohnt (Ps 22,4)“. Gegen alle Unheilsmächte und die Nacht im eigenen Herzen vertraut der Psalmbeter auf die Treue Gottes und die Glaubenserfahrung seiner Väter und Müt­ter. So auch Jesus. Sein Karfreitag verbindet ihn mit dem Karfreitag der 6 Millionen ermordeter Juden unter der Todesherrschaft des Nazi-Regimes und mit dem Kar­freitag aller Opfer der Gewalt bis in unsere Tage hinein.

Auch wenn es nicht unsere persönliche Schuld ist, was in der Reichspogromnacht und danach geschah, auch wenn es keine Kollektivschuld gibt, können und wollen wir Verantwortung übernehmen. Das Unrecht und die Verbrechen, die im Namen unseres Volkes geschehen sind, können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können und wollen um Vergebung bitten: die Gemeinschaft der Juden hier in Essen und in aller Welt wie auch Gott, den Gerechten und Barmherzigen. Tragen wir dazu bei, dass kein Jude mehr in unserem Land Angst haben muss.

„Wahres Gedenken“, so sagt uns der Theologe Heinrich Missalla, „steht gegen das Vergessen der Opfer und gegen die Gewöhnung an Leid und Unrecht. Wahres Ge­denken führt zum Widerstand gegen die Verharmlosung der Geschichte. Wahres Gedenken ermutigt den Widerstand gegen alles, was Menschen und ein mensch­liches Miteinanderleben gefährdet, entwürdigt, verletzt.“

Was mich in dieser Stunde bewegt, finde ich in dem Bild von Marc Chagall aus dem Jahr 1938, dem Jahr der Reichspogromnacht, in poetischer Tiefe ausgedrückt. Auf dem Bild „Die weiße Kreuzigung“ trägt Jesus einen jüdischen Gebetsschal als Len­denschurz. Was ihn in der Stunde seines Leidens und Sterbens birgt und trägt, ist Gott, der Vater, der keines der Kinder Israels vergisst. Um die Kreuzigungs­szene herum hält Chagall das Grauen der Nazi-Zeit fest: fliehende Juden, die Tora­rolle fest umklam­mert, die brennende Synagoge, verwüstete Dörfer.

Als Christen setzen wir unsere ganze Hoffnung auf Jesus Christus. Ihm vertrauen wir unser Gedenken um der Zukunft willen an. Er kann und will uns mitnehmen über den tiefen Abgrund, den die Reichspogromnacht und danach die Vernichtung der Juden in Deutschland und Europa aufgetan hat.

 

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